Herpesviren und chronische Krankheiten

Herpesviren und chronische Krankheiten

Herpes – einfach nur Lippenbläschen?

Nein, sagen jetzt Forscher von der Universität Würzburg, die in Zusammenarbeit mit einem Institut in den USA einen Zusammenhang zwischen dem humanen Herpesvirus 6 und bestimmten psychiatrischen Erkrankungen herstellten.

Die Annahme, dass beim Menschen häufig vorkommende Viren, die unerkannt in Organen und Geweben „schlummern“, nie für eine Krankheit verantwortlich sind, ist nach Ansicht der Wissenschaftler widerlegt. „Studien, wie unsere aktuelle, beweisen, dass dieses Denken falsch ist“, sagt Dr. Bhupesh Prusty, Gruppenleiter am Lehrstuhl für Mikrobiologie.

„Es ist schon seit Längerem bekannt, dass erbliche Faktoren das Risiko erhöhen, an verschiedenen Arten psychiatrischer Störungen wie beispielsweise bipolaren Störungen, schwere Depressionen und Schizophrenie zu erkranken“, erklärt Bhupesh Prusty.

Allerdings brachte das Human Genome Project bereits 2001 die folgende Erkenntnis: “Es gibt einfach nicht genug Gene, um die These von der biologischen Bestimmung des Menschen aufrecht zu erhalten. Die Umwelt spielt eine kritische Rolle.”

Viren als Umweltfaktor

Ein Gen für eine Krankheit, diese Hypothese hat sich schon lange als unhaltbar herausgestellt. Umweltfaktoren spielen bei nahezu allen chronischen Erkrankungen eine weitaus größere Rolle – vor allem, wenn sie in jungen Jahren eine Entzündung im Nervensystem verursachen. Viren sind solch ein Umweltfaktor.

Viren können die Entwicklung von Nervenzellen stören und die Interaktion mit dem Immunsystem in wichtigen Entwicklungsstadien behindern“, erklärt Prusty. Wenn solch eine Infektion in der frühen Kindheit auftritt, geht sie zwar in den meisten Fällen spurlos vorüber. Allerdings verharren die Viren in verschiedenen Organen und Geweben, einschließlich des zentralen Nervensystems und der Speicheldrüsen, und werden unter bestimmten Umständen auch nach Jahren wieder aktiv.

Erhöhte Infektionsrate bei zwei psychischen Störungen

Prusty und sein Team hatten den Verdacht, dass menschliche Herpesviren vom Typ HHV-6A und HHV-6B eine Schlüsselrolle bei der Entstehung psychiatrischer Störungen spielen könnten. Sie haben deshalb zwei der größten menschlichen Hirnbiopsie-Kohorten des Stanley Medical Research Institute (USA) unter die Lupe genommen und wurden tatsächlich fündig:

„Wir konnten bei Patienten mit bipolaren und schweren depressiven Störungen eine erhöhte Rate von aktiven Infektionen mit humanen Herpesviren vorwiegend in Purkinje-Zellen des menschlichen Kleinhirns nachweisen“, fasst Prusty das zentrale Ergebnis der Studie zusammen. Es handele sich damit um den ersten wissenschaftlichen Hinweis, dass Viren des Typs HHV-6 Nervenzellen infizieren und möglicherweise kognitive Störungen verursachen können, die zu Stimmungsstörungen führen.

Antworten durch individualisierten Ansatz

Wie quälend es für Betroffene ist jahrelang mit dem Gefühl zu leben nicht adäquat behandelt zu werden erleben wir jeden Tag. Mittels moderner Labordiagnostik und ausreichend Zeit lassen sich oft Antworten finden.

Originalpublikation:

Active HHV-6 infection of cerebellar Purkinje cells in mood disorders. Bhupesh K. Prusty, Nitish Gulve, Sheila Govind, Gerhard R. Krueger, Julia Feichtinger, Lee Larcombe, Richard Aspinall, Dharam V. Ablashi and Carla T. Toro, Front. Microbiol. doi: 10.3389/fmicb.2018.01955

Weitere Informationen:

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fmicb.2018.01955/abstract

Quelle:

https://www.innovations-report.de/html/berichte/medizin-gesundheit/ueberraschender-fund-in-nervenzellen.html